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Kunstwerk der Woche: Kanonbild und Te-Igitur-Initiale

Kanonbild und Te-Igitur-Initiale
Fol. 34 v aus dem Missale, Hs 56, Deckfarben auf Pergament, um 1360
Codex bestehend aus 186 Pergamentblättern, barocker Ledereinband über Holzkern, Stempelpressungen und Wappen Propst Michael Führer (reg. 1715–1739)
Diözesanarchiv St. Pölten


In der aktuellen Sonderausstellung "Kirche und K... - Sakrale Ausstattungen zwischen Kult und Kunst" ist auch dieses besonders kunstvolle Missale aus dem Besitz des Diözesanarchives zu sehen: Die aufgeschlagenen Seiten beinhalten den mit der Te-igitur-Initale („Dich gütiger Vater …“) eingeleiteten Kanon, das Kernstück der hl. Messe. Das gegenüber befindliche Kanonbild mit der Kreuzigung Christi verbildlicht die Bedeutung der Opferfeier und des hier einsetzenden eucharistischen Hochgebets, das bereits um 400 seine definitive Form erhielt. Im Laufe der Jahrhunderte durch Einfügungen verunklärt, wurde der alte Kanon im Zuge der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils von störenden Zusätzen befreit und als erstes Hochgebet in das neue Römische Messbuch übernommen.

Künstlerisches Prunkstück dieser Handschrift ist die figurenreiche Kreuzigung vor geritztem und punziertem Goldgrund. Auf der linken Seite stützt Johannes die Gottesmutter, dahinter sind die beiden anderen Marien erkennbar. Rechts weist der Hauptmann auf den Gekreuzigten. Dahinter befinden sich weitere Soldaten und ein sich an den Kopf greifender Jude. Unter den weit ausgespannten Armen Christi schweben adorierende Engel.

Wie in den sorgfältig ausgeführten Initialen sind auch in dieser prachtvollen Miniatur verschiedene stilistische Einflüsse zu beobachten. Es ergeben sich Zusammenhänge mit der Wand- und Tafelmalerei des Wiener und südböhmischen Raumes, aber auch Einflüsse der italienischen Kunst sind festzustellen. So gemahnen Corpus und Lendentuch Christi an ähnliche Darstellungsweisen italienischer Freskanten, die wohl als Wanderkünstler im niederösterreichischen Raum – wie in der ehemaligen Dürnsteiner Klarissinnenkirche – tätig waren.