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"Roncallische Tugenden“: Geduld, Sanftmut, Frieden, Gehorsam

Prof. Hubert Gaisbauer

St. Pölten, 05.06.2013 (dsp) Mit einem Thementag erinnerte das St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt an den legendären Papst Johannes XXIII., der am 3. Juni 1963 starb und mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) in die Geschichte einging. Der langjährige ORF-Religionsabteilungsleiter Hubert Gaisbauer sprach unter dem Titel „Der Turm des Johannes. Sein Glaube war: Dein Wille geschehe“ über zentrale Etappen im Leben des Angelo Giuseppe Roncalli.   
 
Vom Bauernbuben Angelino aus Sotto il Monte zum „vergessenen Gesandten“ am Rande Europas, vom leidenschaftlichen Kirchenhistoriker zum seligen Konzilspapst Johannes XXIII.: Gaisbauer verwies auf die ärmlichen Verhältnisse, denen Angelo Giuseppe Roncalli entstammte. Ein Leben lang habe er auch ohne romantische Verklärung von der „Würde“ der Armut gesprochen und habe sich mit Stolz zu seiner Familie bekannt. Kurz vor Eröffnung des Konzils sagte Johannes XXIII. in einer Radioansprache: „Die Kirche stellt sich dar als eine, die sie ist und sein will: nämlich die Kirche aller und besonders die Kirche der Armen.“ Kurz nach seiner Priesterweihe im Jahr 1904 wurde Roncalli Bischofssekretär, im Ersten Weltkrieg diente er als Militärseelsorger, anschließend wirkte er bei den Päpstlichen Missionswerken, wobei er viel umherreiste.

1925 schickte Papst Pius XI. den hoffnungsvollen Kirchenhistoriker Roncalli plötzlich und völlig unvermutet im Rang eines Erzbischofs an „den Rand Europas“, nach Bulgarien. Dort ist er für zehn Jahre einer harten Prüfung ausgesetzt - als „ein von Rom vergessener Erzbischof“, wie er gerne in dieser Zeit genannt wird. Ab 1935 war der spätere Papst als kirchlicher Delegat für die Türkei und Griechenland zuständig. Prägend war für ihn das Kennenlernen anderer Kulturen und Religionen. Gaisbauer: „Roncalli lernte am Rande Europas, dass die Antwort auf eine glaubens- oder christentumsferne Umwelt nicht in der Ghettobildung liegen muss, sondern auch im Dialog der unterschiedlichen Konfessionen.“

Von der neutralen Türkei aus lancierte er umfangreiche Hilfsprogramme für die hungernden Kinder im von Nazi-Deutschland und Italien besetzten Griechenland. Seine Delegatur in Istanbul war schließlich auch die entscheidende Schaltstelle für den letzten Fluchtweg von Juden aus dem nazibesetzten Europa. Es wird bezeugt, dass Roncalli mindestens „24.000 Juden mit Kleidung, Geld und – gefälschten – Papieren“ zur Flucht verholfen hatte.

Nach einer weiteren Station in Paris konnte er endlich als Seelsorger wirken: als Patriarch von Venedig – in seiner Heimat. Mit seinen 72 Jahren habe er wohl gedacht, dies sei seine letzte kirchliche Station gewesen. Er sollte sich täuschen. Am späten Nachmittag des 28. Oktober 1958 wird er zum Papst gewählt und nimmt den Namen Johannes XXIII. an.

Gaisbauer: „Die Erscheinung von Johannes XXIII. wird als theologischer und kirchenpolitischer Widerspruch wahrgenommen. Er lebte aus der Tradition und eröffnete seiner Kirche gleichzeitig einen neuen Weg in die Zukunft. War sein authentisches Mensch- und Christsein sein „Geheimnis“.

Den vier klassischen Kardinaltugenden – Tapferkeit, Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit – dürfe man vier Tugenden gegenüberstellen, die man getrost die „roncallischen“ nennen könnte: Geduld, Sanftmut, Frieden und Gehorsam. Auf die allerglaubwürdigste Art werden sie Teil seiner Persönlichkeit und die Seele seines Wesens. Die Briefe und Aufzeichnungen sind randvoll davon, unermüdlich weist er darauf hin - je älter er wurde, umso eindringlicher.

Foto: Hubert Gaisbauer